Religion und Spiritualität heute und
die mögliche zukünftige Entwicklung
am Donnerstag1.6.2017, 19:00 Uhr im Mehrgenerationenhaus, Bad Dürkheim.
Eher nicht, befinden immer mehr Menschen. Ihren Glauben aber geben sie deshalb nicht auf. Sie suchen für ihn nur neue Formen: als spirituelle Atheisten, als Erfinder von Ritualen, in Gemeinden ohne Religion.
Multireligiöses Durcheinander samt Ungläubigkeit zu respektieren, erscheint als guter Startpunkt für die Zukunft der globalisierten Welt. Die Entwicklung vollzieht sich leise. Sie birgt die Chance, Trennendes zu überwinden und die Ehrfurcht vor dem Unbegreiflichen mit dem modernen Weltbild zu versöhnen.
Albert Einstein hat das Paradox elegant auf den Punkt gebracht. Er bezeichnete sich selbst als „tiefreligiösen Atheisten“.
Wer wie Einstein den Zauber des Kosmos, die Geheimnisse der Natur und die Wunder des Lebens bestaunt, braucht keinen Gott und teilt doch eine Grundhaltung mit denen, die Gott als Schöpfer des Universums, als Erklärung und Chiffre für das Unbegreifliche verehren. Der Philosoph Ronald Dworkin (1931–2013) zieht daraus den Schluss, dass naturwissenschaftliche und religiöse Sichtweise viel näher beieinanderliegen als allgemein angenommen. In seinem Buch „Religion ohne Gott“ schreibt er: das, was beide Gruppen „derzeit für eine unüberbrückbare Kluft halten“, könnte nur eine „Meinungsverschiedenheit ohne moralische oder politische Bedeutung“ sein.
Anthropologen schätzen, dass es im Lauf der Menschheitsentwicklung 100.000 Religionen gegeben haben mag, geboren zunächst aus Totenkulten. Wie umgehen mit dem heraufdämmernden Bewusstsein der eigenen Endlichkeit? Schon in einem rund 45.000 Jahre alten Höhlengrab eines Neandertalers in Shanidar im heutigen Irak ergaben Pollenfunde Hinweise auf einen Grabschmuck mit mehreren Blumen- und PflanzenartenDer amerikanische Evolutionsbiologe Edward O. Wilson hält „die Prädisposition zu religiösem Glauben“ für „die komplexeste und mächtigste Kraft des menschlichen Geistes“.
Sie sei aller Wahrscheinlichkeit nach „ein unauslöschlicher Bestandteil der menschlichen Natur“.
Religion bezeichnet eine Sicht auf die Welt, die von einem Glauben an objektive Werte getragen wird – etwa daran, dass Geschöpfe eine Würde haben, dass ein Leben erfüllt oder verfehlt sein kann. Auch Theisten teilen diese Werte, meinen aber, sie seien gottgegeben.
Das bedeutet für Wilson keineswegs, dass Gott existiert. Er sieht Religiosität als eine „List der Gene“ an, die einen Evolutionsvorteil bringt. Wer sich einer Religion und ihren sozialen Normen unterwirft, ordnet das Eigeninteresse dem der Gruppe unter und bringt „kurzfristige physiologische Opfer für langfristige genetische Vorteile“. Denn das Individuum schränkt zwar die eigenen Spielräume ein. Doch es kann „die Vorzüge der Gruppenmitgliedschaft mit einem Minimum an Energieverausgabung und Risiko genießen“.
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